Seniorengymnastik
Sep
Kaltenkirchen im Jahre 1900: Das Kirchspiel umfasste mit sechzehn Dörfern ein viel größeres Gebiet als heute. Es erstreckte sich von Hasenmoor bis Ulzburg und von Lentföhrden bis Bredenbekshorst. Die Kirchengemeinde bestand aus etwa 6.500 Menschen, davon lebten nicht einmal 1.200 in Kaltenkirchen. Fast alle waren evangelisch. Zwei Pastoren teilten sich die Seelsorge. Sie wohnten im Strohdachpastorat, dem heutigen „Bürgerhaus“, und im Ziegeldachpastorat, dem heutigen Michaelishaus. Die beiden Geistlichen tauften während des Jahres insgesamt 221 kleine Kinder. Achtzehn davon waren unehelich zur Welt gekommen. Wegen der immer noch hohen Säuglingssterblichkeit waren die Täuflinge nahezu ausnahmslos noch keine drei Monate alt. Die Pastoren tauften die meisten Babys zuhause im Kreise ihrer Familien, gelegentlich auch in den örtlichen Schulen. Daher waren sie mit Pferd und offenem Wagen, mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß häufig zu den einzelnen und oft entlegenen Dörfern unterwegs, auch zu Krankenbesuchen, Bibelstunden und Abendmahlsfeiern. „So kam der Pastor vielfach mit seinen Gemeindemitgliedern in Berührung“, wie es in einem zeitgenössischen Bericht hieß. Die Geistlichen genossen in den Kirchspielorten die Gastfreundschaft in den Familien und wurden dort großzügig mit Kaffee und wohl auch geistigen Getränken bewirtet. Die „Kirche zu Kaltenkirchen“, wie die Michaeliskirche damals hieß, spielte bei den Taufen nur eine kleine Nebenrolle. Die beiden Pastoren benutzten das historische Taufbecken, das damals noch vor dem Altar stand, nur sieben Mal und nahmen dabei uneheliche Kinder in die christliche Gemeinschaft auf – im Gottesdienst nach der Eingangsliturgie vor den versammelten Gläubigen. Es wurde berichtet, dass bei den seltenen Haustaufen unehelicher Kinder der Pastor nicht zum Kaffee blieb, sondern sich unverzüglich wieder auf den Heimweg machte. „Das zügellose unsittliche Treiben der Unverheirateten forderte Tadel und Nachsicht heraus“, so die damalige Beurteilung des Pastors in Kaltenkirchen.
Dr. Gerhard Braas
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Sabine Ortlieb
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